Was Kinder schlau und glücklich macht / Auszug aus meinem Buch Intelligenz testen und fördern

Wie Kinder lernen

Kinder lernen zuerst durch Ausprobieren. Ihre Motivation ist die Freude an der eigenen Aktivität und die Freude der Eltern oder anderer Bezugspersonen, sie zum Lernen zu ermuntern. Später lernen sie, indem sie Erwachsene imitieren und zuerst deren Handlungen, danach auch deren Absichten und Interessen nachahmen. Ein Kind, das Sie beobachtet, wie sie mir Freunden umgehen, wird auch eigene soziale Fertigkeiten entwickeln wollen, wenn Sie sportlich aktiv sind, wird es auch Sport treiben wollen. Wenn die Kinder älter werden und verstehen können, was Sie ihnen sagen, beginnen sie anhand von Erklärungen zu lernen. Doch wie auch immer sie lernen – alle Kinder müssen ihren eigenen individuellen „Wissensberg“ erklimmen. Zwar werden nicht alle die Gipfel stürmen, doch mit elterlicher Führung bei dieser Expedition immerhin die höchstmöglichen Basislager erreichen. Wie weit ein Kind letztlich gelangt, hängt unter anderem von seinen individuellen Fähigkeiten, seiner Persönlichkeit und seiner Zielstrebigkeit, seinem Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl ab – und natürlich von einer guten Portion Glück.

Geistige Fähigkeiten wie Lernen, sich an das Erlernte zu Erinnern, Nachdenken und Schlussfolgern, bilden die Basis für die intelligente Interaktion mit der Umwelt. Im Schulunterricht werden intellektuelle Fähigkeiten trainiert, aber nicht angelegt. Ein Kind, das sich keine historischen Daten merken kann, ist möglicherweise in der Lage, alle Haltestellen einer U-Bahn Linie in der Reihenfolge fehlerfrei aufzusagen. Die Erklärung ist einfach: Geschichte findet es langweilig, für die Bahn begeistert es sich. Kinder lernen gerne, und zwar ganz natürlich, wenn ihnen die Erwachsenen den richtigen Anreiz anbieten. Ein lebhaftes Kartenspiel, im Garten zu toben oder das Lieblingslied zu singen bereiten eventuell besser auf die Schule vor als zu zählen oder das Alphabet zu lernen. Die Lernfähigkeit basiert auf vielen Faktoren. Einige sind vor der Geburt angelegt, andere werden in den ersten Lebensjahren erworben. Nachfolgend sind einige davon.

- Sich gewöhnen: Die Fähigkeit, sich „abzuschalten“, wenn etwas ständig andauert.

- Lernen, etwas vorauszusehen, was wahrscheinlich geschehen wird: Wenn man hört, dass sich Schritte nähern, erwartet man, jemanden gleich zu sehen.

- Konsequenzen entdecken: Auf bestimmte neutrale Reize mit bestimmten Handlungen reagieren.

- Lernen, dass man lernen kann: Wichtig ist nicht nur das Lernen selbst, sondern zu erkennen dass man lernen kann. Imitieren: Menschen lernen vieles durch Ausprobieren. Wenn man älter wird, lernt man wahrscheinlich das meiste durch Nachahmung oder durch Unterricht. 

- Üben: Ein Kind testet und probiert alles, was es lernt. Je jünger es ist, desto weniger kann es darauf zurückgreifen, was Sie sagen, und muss selbst ausprobieren. Dies ist einer der Gründe, warum Kinder alles immer und immer wieder tun. Spielen ist daher Lernen, das der jeweiligen Entwicklungsstufe des Kindes genau angepasst ist.

Was Kinder zum Lernen brauchen

Genau wie wir Erwachsenen müssen auch Kinder versuchen, jede neue Wahrnehmung und Erfahrung an etwas anzuknüpfen, was bereits da ist, was sie schon wissen und können, was ihnen also schon irgendwie vertraut ist. Diese Bereitschaft ist umso größer, je sicherer sie sind und je größer die Offenheit ist, mit der sie sich in die Welt hinauswagen. Bei jeder Art von Verunsicherung, von Angst und Druck breitet sich in ihrem Gehirn Unruhe und Erregung aus. Dadurch wird das Hirn regelrecht blockiert. Es kann nichts Neues hinzugelernt und im Gehirn verankert werden. Oft wird die Erregung sogar so groß, dass auch bereits Erlerntes nicht mehr erinnert und genutzt werden kann – wir alle kennen den berühmten „Black-out“ in Prüfungssituationen oder bei Stress. Das einzige, was dann funktioniert, sind sehr früh entwickelte und fest verankerte Denk- und Verhaltensmuster, die immer dann aktiviert werden, wenn es anders nicht mehr weitergeht: Angriff (Schreien, Schlagen), Einmauern (nichts mehr hören, sehen, wahrnehmen wollen, stur bleiben) oder Rückzug (Unterwerfung, Verkriechen, Kontaktabbruch). Treten solche Situationen wiederholt auf, verliert jedes Kind seine Offenheit, seine Neugier und sein Vertrauen und damit die Fähigkeit, sich auf etwas Neues einzulassen. Von diesem frustrierenden Zustand beschützen Sie Ihr Kind, indem Sie ihm Vertrauen geben.

Die Eltern sind normalerweise die Menschen, denen ein Kind vorbehaltlos vertraut, wenn es auf die Welt kommt. Wenn seine Bedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Zärtlichkeit, Zuwendung erfüllen, fühlt sich das Baby sich in ihrer Gegenwart geschützt und geborgen. Diese sichere Bindung ist die Voraussetzung dafür, dass ein Kind bereits im ersten Lebensjahr so viel Neues aufnehmen, ausprobieren und die dabei gemachten Erfahrungen in seinem Hirn fest verankern kann.

Viel Ruhe und ausreichend Zeit

Kinder lernen am besten, wenn sie den Lernstoff selbst bestimmen können. Sie sind geborenen Entdecker und genießen es, ihre Neugier auszuleben. Wer keine Fehler macht, kann nichts hinzulernen. Deshalb erschließen sich schon Kinder die Welt durch Versuch und Irrtum. Je häufiger sie dabei lernen, dass sie bereits allein in der Lage sind, ein Problem zu lösen, desto mehr wächst ihr Selbstvertrauen, ihr Mut und ihre Sicherheit.

Offenheit für Neues

Lernen ist wie ein Feuerwerk: Zum einen muss der „Funke“, also die Anregung, die Eltern ihrem Kind zu einen bestimmten Zeit anbieten, genügend Zündkraft besitzen. Zum anderen muss auch das „Pulver“ gerade in einem Zustand sein, in dem es sich anzünden lässt. Eltern können Funken sprühen, so viel sie wollen: Wenn ihr Kind zu dem Zeitpunkt nicht offen für ihre Angebote ist, geht das Feuerwerk eben einfach nicht los. Diese Offenheit für Neues fehlt, wenn ein Kind gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist oder ein Problem mit sich herumschleppt, das es allein nicht lösen kann. In solchen Situationen sind Kinder einfach nicht bei der Sache und können sich nicht auf das einlassen, was ihnen von den Eltern angeboten wird.

Individuelles Lernrhythmus

Kinder erwerben Wissen auf die gleiche Weise. Sie lernen zu einem Zeitpunkt wie verrückt  und brauchen dann eine gewisse Zeit, um ihre neuen Kenntnisse zu festigen. Sie müssen sich diesem Rhythmus anpassen, indem Sie Ihr Kind nicht mit ständigen Aktivitäten überfordern. Sorgen Sie für den goldenen Mittelweg und für eine ausgewogene Mischung aus Ruhe und Aufregung, Routine und neuen Herausforderungen, kniffligen, ernsthaften Aufgaben und unbeschwertem Spielspaß.

Kein Förderstress

Eltern wollen ihrem Kind möglichst alles mitgeben, was es später einmal brauchen könnte, um glücklich zu werden. Manchen Eltern ist wichtig, dass ihr Kind fließend Englisch spricht, ein Instrument erlernt, dass es tanzen, reiten oder Tennis spielen kann. Außerdem soll es viel von der Welt sehen, mit Freunden spielen und sich möglichst gut fühlen. Schnell bekommen Kinder auf dieser Art allzu viel von dem, was Eltern zu ihrem Wohl alles tun wollen und dabei doch zu wenig von dem, was sie tatsächlich für ihr späteres Leben brauchen.

Fazit: Ihr Kind soll später in der Lage sein, die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Es soll Freunde finden, die ihm dabei helfen und denen es vertraut. Es soll stark genug sein, um mutig seine Meinung zu vertreten und dort zu helfen, wo seine Hilfe gebraucht wird. Es soll seine Neugier, seine Kreativität, seine Entdeckerfreude das ganze Leben bis ins hohe alter behalten. Wenn Sie Ihrem Kind das wünschen, sollten Sie ihm davon mit auf dem Weg geben, so viel Sie nur können.